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Offener Brief von KOS und BAG:
09.01.2018 14:01 Uhr

Jena und Frankfurt im Dezember 2017
Gegen die Kriminalisierung der Sozialen Arbeit mit Fußballfans

Mit einer der schärfsten Waffen des Strafgesetzbuches – dem Paragraphen 129, der die Mitgliedschaft und Unterstützung einer kriminellen Vereinigung verfolgt – haben sächsische Justiz- und Ermittlungsbehörden für eine Zäsur in der Sozialen Arbeit mit jugendlichen Fußballfans gesorgt. Ein Sozialarbeiter ist aufgrund seines Arbeitsauftrages – der Beziehungsarbeit mit jungen Fußballfans – ins Visier von Staatsanwaltschaft und Polizei geraten, die Ausübung seiner dienstlichen Aufgaben führte zum Vorwurf der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Dieser Vorgang ist, zumindest in dieser Zuspitzung, ein Novum im Spannungsfeld der Fansozialarbeit und der Sozialen Arbeit im Allgemeinen. Bereits der Verdacht ermöglicht im Fall des §129 umfangreiche Ermittlungen, insgesamt drei Jahre wurde gegen den Mitarbeiter des Leipziger Fanprojektes als Beschuldigten ermittelt, eine monatelange Telefonüberwachung war ebenso Teil der Maßnahmen wie die Observation der vom Träger betreuten Fanräume. Zudem waren klassische Fanprojekt-Aktivitäten, wie sie, niedergelegt im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit, für die Arbeit der Fanprojekte erwartet werden, Gegenstand der Ermittlungen: Bildungs- und Präventionsarbeit, Diskussionsveranstaltungen, organisatorische und logistische Unterstützung im Rahmen der Spieltagsorganisation und die Vermittlung von Rechtsberatungen waren die Anlasspunkte für die Ermittler des LKA Sachsen. Tausende dienstliche und private Telefonate wurden im Rahmen der Ermittlung mitgehört und akribisch transkribiert. Kolleg*innen, Freunde, Klienten und Verwandte waren indirekt von den Maßnahmen betroffen.

Datenschutzbeauftragte und Gerichte prüfen derzeit die Rechtmäßigkeit der Anordnung. Unabhängig von den erheblichen Eingriffen in Grundrechte des Mitarbeiters aus Leipzig – die Grundrechte auf informelle Selbstbestimmung bzw. der freien Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 Abs. 1 GG) sind hier in besonderem Maße betroffen – sind es vor allem existentielle Arbeitsgrundlagen Sozialer Arbeit, die durch die Ermittlungen in Frage gestellt werden. Denn Soziale Arbeit ist darauf angewiesen, dass ein Vertrauensverhältnis zu ihren Adressat/innen gewährleistet bleibt.
Zunehmender Druck Diesbezüglich fügt sich dieses Verfahren ein in eine seit Jahren steigende Zahl von polizeilichen und staatsanwaltlichen Zeugenvorladungen von Mitarbeiter*innen von Fanprojekten, die das Verhältnis zwischen den jugendlichen und jungerwachsenen Fans und den Sozialarbeiter*innen zunehmend belasten. Eine belastbare professionelle Beziehung von Fanprojektmitarbeiter*innen mit dem eigenen Klientel ist elementare Voraussetzung aller Sozialen Arbeit, so auch der Sozialen Arbeit mit Fußballfans. Losgelöst von den durch traditionelle Kriminalitätsdiskurse geprägten Fan- Zuschreibungen von Gefährlichkeit, Bedrohung und Unordnung arbeiten Fanprojekte auf der Basis von Vertraulichkeit und Verbindlichkeit mit jugendlichen Fußballfans zusammen. Ihr Methodenrepertoire ist dabei enorm breit und reicht von klassischen Modellen gewaltpräventiver Intervention über geschlechtersensible Ansätze bis hin zu bildungspolitischen Aufträgen. Die Begleitung im Alltag, im und außerhalb des Stadions ist das tägliche Brot der Fansozialarbeit. Ein zentrales Moment ist dabei eine „Nähe zur Szene“, die Kenntnisse über die jugend- und subkulturellen Codes und Rituale sowie ein kritisch-parteiliches Verhältnis zu den Protagonisten ermöglicht. Nur dadurch ist ein professionelles Handeln in der Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen möglich, die oftmals von Widerständigkeit, Devianz und alters- und szenetypischem nonkonformen Verhalten geprägt ist. Soziale Arbeit muss den Eigensinn Jugendlicher und ihr Recht, bestehende Normen und Konvention zu hinterfragen, anerkennen, wenn sie erfolgreich sein will. Das heißt aber nicht, alles zu akzeptieren und zu rechtfertigen, was geschieht. Deshalb besteht Soziale Arbeit mit Fans aus einem Balanceakt, der professionell zu gestalten ist.
Diese besondere und exponierte Stellung der Fansozialarbeit ist in Vereinbarungen zwischen den politischen und behördlichen Netzwerkpartnern sowie den Institutionen im Fußball festgeschrieben. Im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit /NKSS heißt es deshalb u.a.: „Basis für eine erfolgreiche Fanarbeit ist ein durch intensive Beziehungsarbeit aufgebautes Vertrauensverhältnis zur Zielgruppe. Dies ist bei der Zusammenarbeit mit den Fanprojekten zu beachten.“ Mehr noch: Die erfolgreiche Arbeit der Fanprojekte erfährt seit Jahren bundesweit breit akzeptierte und fachliche evaluierte Anerkennung. Dies äußert sich ganz aktuell in den Erkenntnissen der Deutschen Fußballfan-Studie der Hochschulen Bielefeld, Kassel und Potsdam sowie des vom Bundesforschungsministerium geförderten Verbundforschungsprojekts SiKomFan. Fanprojekte stärken u.a. das Selbstwertgefühl und Verantwortungsbewusstsein der jungen Fans. Sie agieren partizipativ und berechenbar. Klare Regeln und partnerschaftliche Kommunikation der Netzwerkpartner, u.a. mit Kommunen, Bundesländern, Jugendarbeit und Polizei, sollen Vertrauen und Verhaltenssicherheit bei jungen Fans schaffen. Fanprojekte unterstütze junge Fans, die sich gegen jegliche Form der Diskriminierung engagieren, insbesondere Rassismus, Sexismus, Homophobie und Antisemitismus. Aktuell besteht das Netzwerk der Fanprojekte, die auf Grundlage des NKSS arbeiten und gefördert werden, aus 58 Standorten, die mit 66 jugendlichen Fanszenen arbeiten. Schon 2007 formulierte der damalige Präsident des DFB, Theo Zwanziger, im Deutschen Bundestag „wenn es Fanprojekte nicht schon gäbe, man müsste sie erfinden!“
Vertrauensverlust auf allen Ebenen Die Ermittlungen gegen den Mitarbeiter des Leipziger Fanprojektes führen all diese – bisweilen lange erkämpften – Grundsätze Sozialer Arbeit ad absurdum. Nicht nur weil sie das Vertrauensverhältnis von Fanprojekten und Polizei beschädigen. Nicht nur weil sie genuine Bestandteile Sozialer Arbeit zum Gegenstand tiefgreifender Ermittlungen machen. Nicht nur weil sie sich damit jeder inhaltlichen Auseinandersetzung um das „richtig“ und „falsch“ in der komplexen Arbeit mit Fußballfans entziehen und die Ebene von Diskurs und Streitkultur verlassen. Fatal wirken die Ermittlungen vor allem auf die jungen und jugendlichen Fans selbst. Welche Sicherheit und Gewissheit existiert noch für Fans, wenn selbst ihr Sozialarbeiter zum Beschuldigten wird? Warum mit Fanprojekten unter der Maßgabe des Vertrauensschutzes reden, wenn diese den Vertrauensschutz nicht gewährleisten können, weil die Judikative ihn ausgehebelt hat? Welches Selbstbild liefern und vermitteln Ermittlungsbehörden, wenn ihnen fast jedes Mittel – denn so scheint es hier – recht ist?
Fanprojekte brauchen Unterstützung, keine Verfolgung Fanprojekte bearbeiten ein sehr schwieriges und komplexes Feld in der Sozialen Arbeit. Sie arbeiten in Grenzbereichen. Ein entscheidendes Merkmal von Fansozialarbeit ist das Vermögen, zwischen nahezu allen Institutionen und Personen, die im Fußballkontext und darüber hinaus agieren zu vermitteln und „zu übersetzen“. Die Sprache der Fans beherrschen sie dabei ebenso gut wie die der Institutionen. Die Offenheit und das Verständnis, die Fanprojekte in diesen Prozessen für alle Akteure aufbringen, sind ein besonderes Qualitätsmerkmal. Es gehört zum alltäglichen Geschäft von Fanprojekten, sich Auseinandersetzungen nicht zu verschließen sondern diese zu fördern, zu strukturieren und in konstruktive Bahnen zu lenken. Die mit den Ermittlungen der sächsischen Behörden praktizierten Grenzverletzungen, das Negieren des Offensichtlichen, vor allem aber der Unwille darüber zu sprechen, ist für uns als Praktiker*innen und Theoretiker*innen der Sozialen Arbeit nicht akzeptabel.
Wir fordern deshalb... • anzuerkennen, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Jugendlichen und den Sozialarbeiter*innen der zentrale und unverzichtbare Kern für die Wirksamkeit aller erzieherischen Interventionen darstellt; • den Schutz dieses besonderen Vertrauensverhältnisses, insbesondere durch Sicherheitsbehörden und Polizei; • eine transparente und kritische Auseinandersetzung des gesamten institutionellen Netzwerks in Leipzig mit dem Ziel, dass die Arbeit des Fanprojektes zukünftig anerkannt wird und geschützt weiter geführt werden kann; • nachvollziehbare Bemühungen der Verantwortlichen von Staatsanwaltschaft und Polizei in Leipzig, die zum Ziel haben, ein auf Vertrauen basierendes Arbeitsverhältnis zum Fanprojekt herzustellen.
Unterzeichner*innen des Offenen Briefes „Gegen die Kriminalisierung der Sozialen Arbeit mit Fußballfans“ der KOS
Prof. Dr. habil. Albert Scherr Pädagogische Hochschule Freiburg Institut für Soziologie Hon.-Prof. Dr. Gunter A. Pilz Leibniz Universität Hannover Institut für Sportwissenschaft Dr. phil. Carsten Schroeder Technische Universität Dortmund Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie Prof. Dr. Alexandra Rau Ev. Hochschule Darmstadt FB Soziale Arbeit / Sozialpädagogik Prof. i.R. Dr. Franz Hamburger Johannes Gutenberg-Universität Mainz Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz Prof. Dr. Helga Cremer-Schäfer Goethe-Universität Frankfurt am Main Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung Prof. Dr. Katja Sabisch Ruhr-Universität Bochum Lehrstuhl für Genderstudies Prof. Dr. Thomas Feltes Ruhr-Universität Bochum Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft Dipl.-Päd. Matthias Vollhase Technische Universität Dortmund Institut für Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung und Pädagogik der frühen Kindheit Prof. Dr. Fabian Kessl Universität Duisburg-Essen Fakultät für Bildungswissenschaften Prof. Dr. Gabriele Flösser Technische Universität Dortmund Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie Prof. Dr. Heinz Sünker Bergische Universität Wuppertal Fakultät Human- und Sozialwissenschaften Prof. Dr. phil. Werner Thole Universität Kassel Fachbereich Humanwissenschaften Prof. Dr. Hans Ebli Hochschule Ludwigshafen am Rhein Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen
Prof. Dr. Ines Woynar Hochschule Ludwigshafen am Rhein Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen Prof. Dr. Jochem Kotthaus Fachhochschule Dortmund Fachbereich Erziehungswissenschaft Prof. Dr. Axel Groenemeyer Technische Universität Dortmund Fachbereich Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie Prof. Dr. Peter Schruth Hochschule Magdeburg-Stendal Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen Prof. Dr. phil. Gregor Terbuyken i.R. Hochschule Hannover Hochschullehrer i.R. Prof. Dr. Titus Simon i.R. Hochschule Magdeburg-Stendal Jugendhilfe und Jugendhilfeplanung Prof. Dr. Werner Lindner Ernst-Abbe-Hochschule Jena Fachbereich Sozialwesen Prof. Dr. Holger Jessel Evangelische Hochschule Darmstadt Studiengang “Bildung und Erziehung in der Kindheit” Dr. Sebastian Dippelhofer Justus-Liebig-Universität Giessen Institut für Erziehungswissenschaften Prof. Dr. phil. Jens Borchert Hochschule Merseburg Fachbereich Soziale Arbeit, Medien, Kultur Prof. Dr. Lothar Stock Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften Prof. Dr. Heike Förster Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig Dekanin des Fachbereichs Architektur und Sozialwissenschaften Prof. Holger Ziegler Universität Bielefeld Professor für Soziale Arbeit Prof. Dr. Dr. Hans-Uwe Otto Universität Bielefeld Fakultät für Erziehungswissenschaften
Fanprojekt-Träger als Unterzeichner des Offenen Briefes „Gegen die Kriminalisierung der Sozialen Arbeit mit Fußballfans“ der KOS
• Kontakt Regensburg e.V. (FP Regensburg)
• Der Paritätische Wohlfahrtsverband Landesverband Sachsen-Anhalt e.V. (FP Magdeburg)
• Kreisjugendring Erzgebirge e.V. (FP Aue)
• Gangway e.V. (FP Streetwork Köpenick/Union Berlin)
• AWO Unterbezirk Ruhr-Mitte (FP Bochum)
• AWO-Passgenau Trägerverbund der Fanprojekte e.V. in der AWO
• AWO Südwest gGmbH (FP Kaiserslautern)
• AWO Aachen-Stadt e.V (FP Aachen)
• AWO Kreisverband Braunschweig e.V. (FP Braunschweig)
• AWO Kreisverband Chemnitz und Umgebung e.V. (FP Chemnitz)
• AWO Kreisverband München-Stadt e.V. (FP München)
• AWO Kreisverband Rhein-Neckar e.V. (FP Hoffenheim)
• AWO Kreisverband Kiel (FP Kiel)
• AWO Vielfalt Mecklenburgische Seenplatte gGmbH (FP Neustrelitz)
• AWO-Sozialdienst Rostock gemeinnützige GmbH (FP Rostock)
• AWO Landesverband Saarland e.V. (FP Saarbrücken)
• Stiftung SPI – Sozialpädagogisches Institut Berlin „Walter May“ (FP Babelsberg)
• Stadtjugendausschuss Karlsruhe e.V. (FP Karlsruhe)
• Fanprojekt Dortmund e.V.
• Fanprojekt Nürnberg e.V.
• Frankfurter Fanprojekt e.V.
• Kinderarche gGmbH (FP Fürth)
• Sportkreis Mannheim e.V. (FP Mannheim)
• Sportjugend im Landessportbund Berlin e.V. (FP Berlin)
• Gelsensport e.V. (FP Schalke)
• Fanprojekt Mainz e.V.
• Fanprojekt Bremen e.V.
• Fanprojekt Jena e.V.
• Fanprojekt Stuttgart e.V.
• Fanprojekt Zwickau e.V.
• De Kull e.V. (FP Mönchengladbach)
• CVJM Oberhausen e.V. (FP Oberhausen)
• Jugend- und Kulturzentrum Exzellenzhaus e.V. (FP Trier)
• Internationaler Bund (IB) Regionalleitung Hessen (FP Darmstadt und Offenbach)
• Internationaler Bund (IB) Südwest gGmbH (FP Kassel)
• Internationaler Bund (IB) Nord (FP Lübeck)
• Jugendzentren Köln gGmbH (FP Köln)
• Jugendring Düsseldorf e.V. (FP Düsseldorf)
• Fanprojekt Plauen Vogtland e.V.
• AWO Essen e.V.
Weitere Organisationen:
• Dirk Vogelskamp für das Komitee für Grundrechte und Demokratie
• Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Streetwork
• Landesarbeitskreis Mobile (LAK) Jugendarbeit Sachsen e.V.

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  • Freitag: 9.00-15.00 Uhr
  • an Abenden, Wochenenden und an Spieltagen nach Vereinbarung

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  • die Fanhalle ist nach Bedarf und an Heimspieltagen geöffnet
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